Re: Gott und Natur?

Die Ewige Religion

Geschrieben von AS am 29. November 2000 04:47:29:

Als Antwort auf: Re: Gott und Natur? geschrieben von Ahmet am 28. November 2000 19:55:08:

Mit dem überlegenen Wissen des 20. Jahrhunderts beurteilst du die Auffassungen früherer Generationen als "psychologische Krankheit" oder Irrweg. Das Problem dabei ist, daß die Menschen jener Zeit sich und ihren Wissensstand genauso absolut gesetzt haben, wie du das jetzt mit deinem Wissensstand tust. Viele Kreuzritter und Hexenjäger glaubten genau wie du, dem Willen Gottes zu folgen. Und was für ein wandelbarer Wille dies ist: im Alten Testament fordert Gott Rache, Opfer usw. , im Neuen Testament fordert derselbe Gott Nächstenliebe, sogar gegenüber den Feinden. Dies ist ein generelles Problem aller Offenbarungsreligionen: die Religion ist eine Sache der Geographie, die Vermittlerfigur (Moses, Jesus, Mohammed etc.) tritt willkürlich und zufällig in der Menschheitsgeschichte auf. Woher konnten die Menschen den Willen Gottes kennen, die VOR all den Propheten gelebt haben?

Ein anderer Aspekt: Ist es nicht bezeichnend, daß ein Gott immer genau den Wissensstand repräsentiert und verkündet, den die Menschen der jeweiligen Zeit hatten? Nimm die Schöpfungsgeschichte: Der allwissende Gott entpuppt sich als Lügner, zumindest als Märchenerzähler: warum verkündet er das Märchen von Adam und Eva, anstatt die Evolutionstheorie darzulegen? Um die armen Leute mit ihrem beschränkten Weltbild nicht zu schocken? Nun, dann ist Gott ein Gaukler. Die schöpfungsgeschichte ist nur symbolisch gemeint? Das mag aus heutiger Sicht als Ausrede reichen, aber vergiß nicht, daß DIE MENSCHEN DAMALS DEN SCHÖPFUNGSBERICHT NICHT ANDERS ALS WÖRTLICH NEHMEN KONNTEN; d.h. FÜR SIE WAR ER UNMITTELBAR WAHR! Jesus fährt auf einer Purpurwolke gen Himmel? Logisch, schließlich dachte man, die Erde sei eine Scheibe, und jenseits des Himmelszelts wohnt Gott. Kein Gott konnte uns bisher etwas sagen, was über das bereits Bekannte hinausgeht. Im Gegenteil: Was Gott den Menschen zu sagen hat, deckt sich immer genau mit dem Weltbild und Wissensstand eben dieser Menschen. Die Entwicklung schreitet voran, und die Wissenschaft zerbröselt immer mehr von dem, was Gott so zu erzählen hat. Damit rückt Gott, der hier nichts anderes ist als ein "Joker" für das noch nicht erklärbare, in immer weitere Ferne: Gott hat nicht den Menschen erschaffen, sondern höchstens die ersten Wasserstoffatome. Über dem Firmanent ist nicht der Himmel, sondern unser Universum. Natürlich bleibt immer irgendwo ein Plätzchen für Gott. Heute mag er der Auslöser des Urknalls sein. Sollte man aber irgendwann den wahren Auslöser des Urknalls finden, also eine wissenschaftliche Erklärung, dann wird Gott eben der Auslöser dieses Auslösers sein usw. usw. Merkst du nicht, wie lächerlich dies ist?

Natürlich wäre es unsinnig von mir, zu behaupten, es gäbe auf gar keinen Fall soetwas wie einen "Gott", schließlich ist Atheismus letztlich ebenfalls eine Religion, nämlich der GLAUBE an die Nicht-Existenz Gottes. Daher halte ich eine agnostische Position für die naheliegendste: Wenn es einen Gott gibt, dann kann ich über ihn keinerlei Aussagen machen.

Bis denn, AS




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